Test: Vir2 Instruments Electri6ity

Eigentlich könnte man annehmen ich hätte schon genug virtuelle Gitarren: Musiclab RealGuitar 2L, Musiclab RealStrat, Musiclab RealLPC, Chris Hein Guitars, Steinberg Virtual Guitarist 2, Rob Papen RG sowie etliche loopbasierte Sammlungen wie z. B. Funky Rex Guitars, Studio Guitars, Off the Hook Guitars. Hinzu kommen noch Einzelsamples z. B. aus den Hans Zimmer Guitars in Omnisphere sowie diversen Romplern. Nun kommt prompt von Vir2, den Machern von VI One, ein weiteres, laut eigenen Aussagen “episches”, GitarrenVSTi ins Haus. Es hat über 3 Jahre Entwicklungszeit gekostet und enthält eine Kollektion von insgesamt 8 Gitarren. Sowohl von der Bandbreite der Gitarren als auch von der Plattform (Kontakt) erinnert es mich am ehesten an die Chris Hein Guitars. Schauen wir uns also an, ob es weitere Parallelen gibt und ob sich der Kauf lohnt.

 

Installation

Wenn man noch nicht Kontakt 4 oder dessen Player-Variante installiert hat, sollte man zunächst den mitgelieferten Kontakt 4 Player installieren. Diesen Schritt spare ich mir, da bereits Kontakt 4 auf meinem iMac läuft. Ich starte also einfach den Electri6ity Installer und lege den Speicherort für die Samples fest. Die Installation der insgesamt 4 DVDs nimmt einiges an Zeit in Anspruch. Man kann sich also ruhig das 52-seitige leider nur englischsprachige aber ansonsten sehr gut gemachte Handbuch durchlesen. Die Aktivierung geschieht gewohnt unkompliziert über das NI Service Center und die beiliegende Seriennummer.

Übersicht

Auf den 4 DVDs sind 24 bit Samples von folgenden 8 Gitarren enthalten:

  • Strat
  • Tele
  • P90
  • Les Paul
  • Rickenbacker
  • Danelectro Lipstick
  • ES335
  • L4

Sie bieten wirklich einen guten Querschnitt durch die bekanntesten und typischsten E-Gitarren. Die Namen sagen sogar mir als Nicht-Gitarrist etwas, so dass die Auswahl mit Sicherheit gut war. Der Name “Electri6ity”, der ausgesprochen “Electricity” heißt und beim tippen im Testbericht regelmäßig zu Schreibfehlern geführt hat, weißt einen schon darauf hin, dass es ausschließlich um E-Gitarren geht. Die akustischen Vertreter bleiben leider draußen. Aber vielleicht kommt noch ein “Acoust6x”? 😉

Es wurden pro Gitarre 3 Pickup Positionen gesampelt:

  • Front
  • Rear
  • Mixed

Zwischen diesen kann stufenlos übergeblendet werden. Es liegt jede Note auf jedem Bund vor und es gibt die verschiedensten Artikulationen wie Downstroke, Upstroke, Ghost Notes, Mutes, Harmonics, Hammer-ons, Pulloffs, Slides, etc. Wir schauen uns das natürlich später im Detail an.

Electri6ity kann aufgrund der Kontakt-Plattform auch dessen Scripting-Fähigkeiten nutzen und macht regen Gebrauch davon. So kann man z. B. auch stufenlos zwischen verschiedenen Artikulationen oder Velocity Stufen überblenden. Das Voicing übernimmt eine Art künstliche Intelligenz für den Keyboarder. 2000 verschiedenen Akkorde werden von der Engine erkannt. Weiterhin gibt es einen speziellen Legato-Mode und weitere Performance-Features. Pro Gitarre gibt es knapp 25.000 Samples. Das übersteigt auch in der Menge die Samples der Chris Hein Guitars und macht Electri6ity damit zum “fettesten” Gitarren VSTi in meiner Sammlung. Lediglich die Prominy VSTis haben einen noch höheren Speicherbedarf, allerdings auch nur jeweils eine Gitarre.

Alle Samples wurden trocken aufgenommen, können aber bereits in Electri6ity mit Effekten versehen werden. Hierzu gibt es eine eigene Effekt-Sektion bestehend aus Amp-Simulation, Screamer und Multieffekten wie Phaser, Flanger, Chorus, Reverb und Delay. Wer seine eigenen VST’s dafür nutzen möchte kann dies natürlich tun.

Hintergünde

Einer der wichtigsten Aspekte bei Electri6ity ist das dahinterliegende Scripting. Es sind über 50.000 Zeilen Kontakt Scripting, die uns Musikern das Leben leichter machen sollen (und vorweg: Es funktioniert wirklich gut!). Auch die Musiclab Produkte verfolgen mit Ihrer “Floating Fret Position Technology” einen ähnlichen Ansatz. Denn das Hauptproblem ist, dass wir Keyboarder im seltensten Fall wissen, wie ein Gitarrist einen bestimmten Akkord oder auch ein Solo spielen würde. Auf der Gitarre gibt es im Gegensatz zum Keyboard dieselbe Note an verschiedenen Positionen. Und je nach Bund oder Saite klingen die Noten oder Akkorde dann auch entsprechend unterschiedlich. Wer mein RealLPC Tutorial gelesen hat, mag sich an den Satz erinnern, dass ein komplexes Arrangement oder Solo nicht nur etwas mit einspielen, sondern auch jede Menge mit Programmieren zu tun hat. Genau das soll bei Electri6ity vermieden werden, sagt Benjamin, einer der Entwickler. So werden zum Teil sogar die Artikulationen und Nebengeräsuche automatisch hinzugefügt. Je nachdem, wie man spielt. “Big Brother is watching you”, könnte man meinen. Aber wie die Entwickler sagen “… in a non creepy Way” 😉

Als Musiker erwarte ich also, dass ich mich nicht um die Nachbearbeitung von Artikulationen oder “Nebengeräuschen” kümmern muss. Die Möglichkeiten dazu bietet Electri6ity aber nichtsdestotrotz. Insgesamt wurden über 200.000 Samples aufgenommen und editiert. Dass diese Arbeit über 3 Jahre gekostet hat, kann ich gut nachvollziehen. Nur mal so zum Vergleich: Die von mir getestete VSL Special Edition inklusive Extended und PLUS Version kommt zusammen auf 133.370 Samples. Und das ist schon verdammt umfangreich (Wobei ich die Länge der einzelnen Samples jetzt nicht vergleichen kann). Jedenfalls belegt Electri6ity mit all diesen Samples im gut komprimierten Format vergleichsweise schlanke 28 GB auf meiner Festplatte. Also im Schnitt 3,5 GB pro Gitarre.

Die Features lesen sich schon nicht schlecht. Steigen wir ein in die Details.

Nach der Installation

Zunächst steht das Update auf Version 1.1 an, welches man im Service Center oder aber hier herunterladen kann. Dieses Update erweitert die Library unter anderem um Sympathetic Resonance, so dass nicht angeschlagene Saiten mitklingen. Besonders gut zu hören ist dies bei Modellen mit größerem Resonanzkörper wie der L4, 335 oder der Rickenbacker. Weiterhin gibt es nun “Slide Noise Triggering” sowie einige weitere Detailverbesserungen wie z. B. verbesserte CPU-Nutzung (immer gut!).

Startet man nun Kontakt oder den Kontakt Player, kann man über den Browser direkt auf die Instrumente zugreifen. Die 8 Gitarren liegen jeweils in einer “DI” Variante (also clean) und in einer Amped-Variante vor, wo bereits der interne Amp-Simulator samt FX und Screamer aktiviert sind. Ich empfinde es als einen großen Vorteil, dass man auf alle Artikulationen innerhalb eines Instruments (*.nki) zugreifen kann. So muss man nicht vorher überlegen, welche Artikualtionen man benötigt, sondern ist intuitiver und flexibler beim arrangieren. Einfach die Gitarre (Amped oder DI) auswählen und los geht’s. Dieser Luxus geht natürlich zu Lasten des Speicherbedarfs, der locker über 300 MB pro Instrument beträgt. Dies macht sich auch in der Ladezeit bemerkbar. Ein erneutes Abspeichern des Instruments (Batch Resave in der Kontakt 4 Vollversion) schafft hier Abhilfe. Es gibt aber doch noch 2 Unterordner, in welchen man entweder nur die Sustain (SO) Variante oder aber die Sustain and Muted (SMO) Variante laden kann. Diese eignen sich für betagtere Rechner mit wenig RAM oder aber für Schrummelbegleitungen, wo man auf gewisse Artikulationen aus dem Solo-Bereich verzichten kann. Multis gibt es nicht, man kann sich aber selber welche erstellen, wenn man beispielsweise 2 Gitarren gleichzeitig ansteuern möchte.

Die Oberfläche und deren Ansichten

Nach dem Laden befindet man sich in der Performance-Ansicht:

 

Hier sieht man die wichtigsten Parameter auf einen Blick und kann diese auch mit der Maus oder durch entsprechende CCs ändern:

  • Morph AMT
  • Morph VMT
  • Guitar Pickup
  • Guitar Tone
  • Guitar Volume
  • Strum Time
  • Strum Direction
  • Pick Direction
  • Pick Position
  • Vibrato Type
  • Vibrato Strength
  • Vibrato Speed
  • Volume Releases
  • Volume Noise

Die zugeordneten CCs kann man nach Druck auf den “Setup” Knopf ändern.

Weiterhin sieht man auf dieser Seite welche Artikulation gerade per Keyswitch angewählt ist. Die Keyswitch-Tasten weisen hier eine Besonderheit auf: Sie reagieren auf die Anschlagsdynmik. So konnte man pro Taste direkt 2 Artikulationen legen. Bis Velocitywert 89 (soft) triggert man die erste und ab Wert 90 (hard) die zweite Artikulation. Clevere Idee und auch Live kann man so auch ohne große Übung die richtige Artikulation auswählen. Man muss sich nicht so viele Tasten für die KS merken, was gerade das Live Spiel flüssig von der Hand gehen lässt. Hier eine Übersicht über die möglichen Artikulationen:

  • B0 hard: Sustain
  • B0 soft: Half Muted
  • C0 hard: Muted <-> Sustain (AMT)
  • C0 soft: Muted <-> Half-Muted (AMT)
  • D0 hard: Sustain <-> Harmonics Oct. (AMT)
  • D0 soft: Sustain <-> Harmonics Fifth (AMT)
  • E0 hard: Muted Hammer On <-> Hammer On (AMT)
  • E0 soft: Muted Pull Off <-> Pull Off (AMT)
  • F0: FX
  • G0 hard: Ghosts Clean
  • G0 soft: Ghosts Dirty
  • A0: Slides
  • B0: Stay on current String
  • A#1: Tremolo Picking
  • C#0: Trill 1 Fret
  • D#0: Trill 2 Frets
  • D#5: Harmonics

Gitarrentypische Unsion Bends lassen sich hier sogar ohne Keyswitch bewerkstelligen: Einfach zwei Noten gleichzeitig spielen, wobei die untere eine kleine oder große Sekunde tiefer liegen darf. Mit dem Pitch Bender zieht man nun die untere Note bis zur oberen Note hoch. Das man hier die Geschwindigkeit selber beeinflussen kann ist ein Riesen-Vorteil z. B. gegenüber den Musiclab-Produkten (die ich nichtsdestotrotz für sehr gelungen halte).

Die “AMT” Artikulationen sind eine weitere Besonderheit von Electric6ity: “AMT” steht für “Articulation Morphing Technology” und bedeutet, dass man stufenlos zwischen zwei Artikulationen (z. B. Mute und Sustain oder Sustain und Harmonics wie in meinem Videobeispiel) überblenden kann. Als Trigger dient hier entweder die Velocity oder aber ein Continous Controller (CC), wie z. B. das Mod-Wheel oder ein angeschlossenes Expression Pedal. Ich finde die Velocity Variante für das Live Spiel am besten. Die Lautstärke kann in diesem Fall mit dem ModWheel gesteuert werden. Auf der Performance-Seite kann man den Modus umschalten, indem man auch hier den Setup Knopf drückt und unterhalb der Grafik einen der beiden Modi auswählt.

Doch nicht nur Artikulationen lassen sich per Keyswitch auswählen. Auch die “Play-Modes” lassen sich auf diesem Wege ändern.

  • F#0: Poly
  • G#0: Solo (mono)
  • A#0 soft: Legato muted
  • A#0 hard: Legato

Die manuelle Auswahl der Artikulationen funktioniert nur im Poly oder Solo Modus. In den beiden Legato Modi übernimmt dies das Scripting von Kontakt. Somit eignet sich dieser Modus gut für das Live-Spiel von Solo-Legato-Passagen. Im Poly-Modus läuft im Hintergrund ständig eine Akkorderkennung mit, was per Default eine um 24 ms höhere Latenz verursacht. Man kann diese Latenz aber auch manuell herabsetzen, wenn man anschließend auch wirklich alle Noten eines Akkords relativ gleichzeitig anspielt. Ansonsten könnte es zu Problemen bei der Erkennung kommen. Die Akkorderkennung hat über 2.000 Akkorde gespeichert (inklusive diverser Umkehrungen). Um diese Akkorde zu schrummeln (Strumming) oder aufzulösen (Picking) benötigt man weitere Tasten. Diese werden hier “Trigger Keys” genannt. Standardmäßig sind folgende Tasten dafür zuständig:

  • E5: Palm Mute Strings
  • F5: Strum Dn Sustain
  • F#5: Strum Up Sustain
  • G5: Half-Muted Strum Dn
  • G#5: Half-Muted Strum Up
  • A5: Muted Strum Dn
  • A#5: Muted Strum Up
  • B5: Pick Lowest Note and clear Chord Memory
  • C6: Dead-Muted Strum Dn
  • C#6: Dead-Muted Strum Up
  • D6: Chucka Dn
  • D#6: Chucka Up
  • E6: Pick String 6 (AMT)
  • F6: Pick String 5 (AMT)
  • F#6: Hand Mute Strings
  • G6: Pick String 4 (AMT)
  • G#6: Slide Down 1 Fret
  • A6: Pick String 3 (AMT)
  • A#6: Slide Up 1 Fret
  • B6: Pick String 2 (AMT)
  • C7: Pick String 1 (AMT)

Es gibt noch weitere Trigger Keys ausserhalb des spielbaren Bereichs einer 88er Tastatur, die man in der Settings – Seite (s. u.) unter “Keyswitches” aber ändern kann. Der Vollständigkeit halber nenne ich diese noch:

  • G#-1: Strum Up (AMT)
  • G-1: Strum Dn (AMT)
  • F#-1: Strum Up Muted (AMT)
  • F-1: Strum Dn Muted (AMT)
  • E-1: Slide Noises Dn (Slide Noises Up)
  • D#-1: Slide Up 2 Frets
  • D-1: Slide Dn 2 Frets

Zu guter Letzt kann man Trigger Keys auch noch zum Abrufen von bestimmten Release-Samples nutzen, welche wie das Salz in der Suppe sind und erheblich zum Realismus beitragen. Wenn man diese nicht manuell wählt, übernimmt das Scrippting dies für einen. Um ein Release-Sample zu triggern, muss man zwei Tasten drücken. Zum einen A-1 (Select Release Keyswitch) und dann einen der folgenden Tasten:

  • A#-1: Release Finger Noise
  • B-1: Release Finger Noise short
  • C0: Release Mixed I
  • C#0: Release Mixed II
  • D0: Release Hand Mute
  • D#0: Release Palm Mute
  • E0: Release Pick Noise
  • F0: Release Slide Down Short
  • F#0: Release Slide Down Medium
  • G0: Release Slide Down Long
  • G#0: Release Slide Down 1 Fret
  • A0: Release Slide Up 1 Fret
  • A#0: Release Slide Noise Down
  • B0: Release Slide Noise Up

Zusammenfassend empfinde ich es schon jetzt als Riesenvorteil, dass man nur ein Programm laden muss und anschliessend theoretisch die Finger von der Maus lassen kann. Ob ich Solo oder Begleitung, Picking oder Tapping spielen möchte: Man kan nur mit dem Keyboard zwischen all diesen Play-Modes und auch den einzelnen Artikulationen und Release Noises umschalten. Gutes Konzept!

“Fretboard”

 

Diese Ansicht dient lediglich zur Visualisierung der vom Scripting gewählten Saiten und Bünde (Frets) sowie der Spieltechniken.

Die Effects-Seite sieht wie folgt aus:

 

Gewählt werden kann im linken Modul zwischen

  • Phaser
  • Chorus
  • Flanger
  • Delay
  • Reverb

Die Einstellungen sind vollkommen ausreichend und die Qualität ist durchaus als gut zu bezeichnen. Das Solo in meinem Beispiel ist lediglich mit der Amp und Effekt Sektion aus Electri6ity entstanden. Schade lediglich, dass kein Sync der Effekte zum Host-Tempo möglich ist. Gut also, wenn man für die Standard-Tempi die Delay-Zeit in Millisekunden im Kopf hat. Andernfalls gibt es hier aber auch Tools, welche einem das umrechnen erleichtern. Dennoch wäre der Sync der Effekte zum Host-Tempo ein Wunsch für ein kommendes Update.

Der Screamer macht was er soll: Dem Signal eine kräftige Verzerrung mit auf den Weg geben.

Zu guter Letzt gibt es hier eine virtuelle Amp-Sektion. Man kann wählen zwischen

  • British
  • Classic
  • Clean
  • Jazz
  • Metal
  • Modern
  • Rock

Im oberen Bereich gibt es 4 Regler für Drive, Volume, Bass und Bright. Weiterhin kann man zwischen 2 Tones, 3 Mikros und 2 Räumen (Medium, Wet) wählen und zu guter letzt auf einen EQ mit 3 vollparametrischen Bändern zugreifen.

Diese Einstellungen können und wollen keine Guitar Rig 4, keinen Pod Farm Platinum 2 und auch kein Amplitube 3 o. ä. ersetzen. Dennoch kann man bereits mit diesen vergleichsweise wenigen aber gut klingenden Effekten einen ordentlichen Out-of-the-Box Sound erzeugen. Und das ohne sich mit komplexen Amp-Simulationen zu beschäftigen oder gar das Programm verlassen zu müssen. Am ehesten erinnert mich diese Herangehensweise an die Effektsektion vom Virtual Guitarist 2. Für’s Arrangieren ist dies meist vollkommen ausreichend und behindert den Workflow nicht so sehr wie ein weiteres Plug-in.

Die letzte Seite ist die Settings-Seite

 

Hier kann man wirklich bis ins letzte Detail die Einstellungen ändern. Ich werde an dieser Stelle nur einen Überblick über die Möglichkeiten geben aber nicht auf jeden einzelnen Parameter eingehen.

Es gibt die folgenden Hauptbereiche:

  • Strings – hier kann man z. B. das Tuning der Gitarre auf Drop-D oder C Tuning ändern sowie bestimmen, ob das Script die Noten auf derselben Saite oder auch den benachbarten Saiten umsetzen soll.
  • Fretboard – Hier kann man unter anderem Einfluss auf das Script bei der Auswahl der Bünde für Noten und Harmonics nehmen.
  • Tone – von der Sustainzeit der Noten über den Klang der Hammer-Ons oder Pull-Offs (Tapping oder “klassisch”, also vor Eddie van Halens Zeit) bis hin zur Lage des Plecs beim Schrummeln bzw. Picking lässt sich hier alles feintunen.
  • Playing – Die Geschwindigkeit der Triller, Tremolos und Slides lassen sich hier ebenso ändern wie die Pitch Bend Range oder das Verhalten der Akkorderkennung.
  • Legato – verschiedenen Legato-Modi (I, II oder Tapping) sowie spezielle Einstellungen wie das Slide-Verhalten, Retrigger (für automatische Hammer-Ons oder Pull Offs) lassen sich hier festlegen.
  • Strumming – Schrummeln im Detail. Mit insgesamt 17 Parametern können sowohl die Anzahl der Saiten, der Winkel der rechten Hand als auch die Geschwindigkeit und viele weitere Details bestimmt werden.
  • Picking – Wann ein Wechsel zwischen Down- und Upstroke stattfinden soll kann hier ebenso eingestellt werden wie das Verhalten der Anschlagsstärke bei gemuteten Noten oder die Position auf dem Griffbrett.
  • Vibrato – Es handelt sich hier nicht um ein LFO Vibrato. Es liegt eine eigene Vibrato-Engine zu Grunde, welche hier beeinflusst werden kann. Zum einen kann man festlegen, wodurch ein Vibrato getriggert wird (Velocity, AMT, CC, Aftertouch), zum anderen auch den Vibrato-Typ für bestimmte Artikulationen.
  • Noise – Picking, Strumming, Slide, Extra Attack und Background Noise lassen sich hier regeln.
  • Releases – Hier können die Release-Samples für die verschiedenen Modi sowie Ihre Dauer und Lautstärke festgelegt werden.
  • Humanize – Hier sind Parameter zum doppeln von Gitarrenspuren vorhanden um diese leicht zu verschieben. Weiterhin kann man hier den Startpunkt zwischen Pick-Geräusch und dem eigentlich Ton, das leichte verschieben der Pick-Position zwischen Neck und Bridge während des Spiels sowie leichte Variationen bei Pitch, Timing und Velocity festlegen.
  • Calibration – Die Zeit der Akkorderkennung (üblicherweise die oben erwähnten 24 ms), der Akkorderkennungsmodus sowie Höchstwerte, bzw. Kurven für CC und Velocity lassen sich hier beeinflussen.
  • Keyswitches – Hier lassen sich die verschiedenen Tastaturlayouts wählen bzw. ändern.

Alternativen

So langsam sättigt sich der Markt (manche hätten es ja sogar lieber, es würde in diesem Bereich gar keinen Markt geben *g*).

Anmerkung von Jörn (Gitarrist)

  • “Meinst du etwa mich?!  😀 – Recht hast du!”

Aber Konkurrenz belebt das Geschäft, wie man so schön sagt. Die Eingangs erwähnten VSTi’s sind sicherlich die bekanntesten Vertreter dieser Gattung. Wie also schlägt sich Electri6ity im Vergleich? Wenn es um E-Gitarren geht, hat Electri6ity meiner Meinung nach die Nase vorn. Eine solche Vielfalt an unterschiedlichen (und auch im Solo-Modus spielbaren) Modellen in nur einem VSTi bietet kein anderes der genannten Programme.

Virtual Guitarist 2 ist “lediglich” für Begleitungen und nicht für Soli geeignet und lässt sich daher nicht wirklich vergleichen. Begleitungen klingen für mich aus VG2 aber immer noch am besten (nicht zuletzt dank Thomas Blug) und sind am schnellsten “eingespielt”. Auch wenn man diese im gewissen Rahmen editieren kann (Riff Editor) ist man auf die Presets angewiesen. Komplett eigene Noten kann man nicht einspielen. Außerdem wird der VG2 ja nicht mehr hergestellt oder weiterentwickelt.

Die MusicLab Gitarren sind nur einzeln erhältlich, dafür aber vom Speicherbedarf (RAM) schlanker. Rein vom Klang her finde ich Electri6ity clean aber irgendwie “satter”. Keine Ahnung woran das liegt aber es ist der Eindruck den ich habe. Und ich finde die MusicLab Produkte wirklich gut. Aber wenn man die RealStrat und die RealLPC kauft liegt man bei 357 Euro (inklusive des Crossgrade Angebots). Für 349 Euro erhält man bei Electri6ity 6 weitere Gitarren und damit ein wesentlich breiteres Soundspektrum. In Sachen Artikulationen bieten aber sowohl Musiclab als auch vir2 eine ähnliche Bandbreite.

Chris Hein Guitars wirbt mit 9 Instrumenten, wobei aber eigentlich nur 2 E-Gitarren enthalten sind: Denn “E-Guitar Clean, Blues und Chorus” sowie “Jazz Guitar Plectrum und Finger” sind nur Variationen welche mit verschiedenen Amps bzw. Spieltechniken aufgenommen wurden. Allerdings gibt es noch eine Steel- und Nylongitarre sowie Banjo und Mandoline. Die CHG klingen auf jeden Fall sehr gut, die Lernkurve ist aber höher als bei allen anderen VSTi’s.

Die Produkte von Prominy (LPC und SC) habe ich nicht, sie klingen auf den Demos aber ebenfalls sehr authentisch und beeindruckend. Ich weiß aber aus dem Handbuch, dass man sich hier im Vorfeld zwischen etlichen Artikulationen oder einem “Super Performance Multi” entscheiden muss. Kein Wunder bei insgesamt 124 GB (!) und 274.000 Samples für beide Produkte zusammen. Wer möchte, kann mal im Handbuch (Online erhältlich) nachlesen, wie viele einzelne Programme dort zur Auswahl stehen. Fast jede Artikulation hat da ein eigenes Programm. Da wird mir schon ein wenig schwindelig und würde vermutlich immer nur zum Super Performance Multi greifen. Vielleicht hat einer unserer Leser ja praktische Erfahrungen mit den Prominy Samples gemacht? Das würde mich sehr interessieren!

Mit Electri6ity bin ich jedenfalls von allen VSTi’s am schnellsten klar gekommen.

Wer sich an einer etwas höheren Lernkurve nicht stört, dem kann ich die Chris Hein Guitars ans Herz legen.

Meine Empfehlung für den Einsteiger in Sachen virtueller Gitarren wäre aber Electri6ity plus Musiclabs RealGuitar 2L für die akustischen Vertreter. Die Lernkurve bei beiden Programmen ist absolut OK und frustfrei. Und wer tiefer in die Programmierung einsteigen möchte, hat dennoch sehr viele Möglichkeiten.

Tipps und Tricks für den Betrieb innerhalb einer DAW

  • Im Electri6ity Realism Guide findet man einige Hinweise auf die Einstellungen bei Benutzung innerhalb einer DAW. So kann man im Gegensatz zum Live-Spiel die Zeit zwischen Picking-Geräusch und dem eigentlich Ton beeinflussen. Live würde dies eine erhöhte Latenz bedeuten, bringt im Arrangement aber einen weiteren Funken Realismus. Die dadurch entstehende Latenz wird in Electri6ity ausgewiesen und um eben diesen Wert muss die Midispur vorgezogen werden. Ebenfalls über eine größere Latenz im Settings Bereich “Humanize” (die beim Live Spiel gerade nicht gewünscht ist) kann man im Sequencer gedoppelte oder zu hart quantisierte Spuren lebendiger gestalten. Man hat sich bei vir2 also wirklich Gedanken gemacht, wie sich solche Dinge in der Praxis auswirken.

Wie klingt es und wie lässt es sich spielen?

Dazu habe ich mir bei Jörn (vielen Dank für die “Vorlage”) einen Songausschnitt ausgeliehen und diesen u. A. mit Electric6ity eingespielt. Die Rhythm Guitar auf der linken Seite stammt aus Elecri6ity und das Solo natürlich auch. Drums kommen aus dem Stylus RMX, der Bass aus dem Trilian und die akustische Gitarre kommt aus dem Virtual Guitarist 2.

Ich habe ein kleines Video auf YouTube online gestellt, welches zeigt, dass ich das Solo live eingespielt habe. Auf der MP3 ist genau dieser Take zu hören. Lediglich den Keyswitch für den “Slide-FX” am Anfang habe ich mir auf eine Midispur gelegt, den Slide selber aber live getriggert (erste Note).

Wenn man das Solo komplett “programmieren” würde, dann könnte man noch einiges an Nuancen und Feinheiten (wie z. B. gedämpfte Noten, etc.) herausholen. Aber ich wollte auch ein Beispiel von dem geben, was ohne großen Aufwand “live” hinzubekommen ist. Genutzt habe ich dazu den Play-Mode “Sustain <-> Harmonics Oct. (AMT)”, die Strumming Keys für die Repeat Notes und ansonsten lediglich Pitch Bend und Modulation. Also eigentlich nichts besonders aufwendiges. Auch der Amp und die Effekte stammen komplett aus Electri6ity.

Vielleicht an dieser Stelle eine Anmerkung allgemeiner Natur zum Thema “virtuelle Instrumente” bzw. “One Man Arrangements”: Bei aller Liebe, die auch ich zu dieser Art VSTi’s hege (weil sie einem für Auftragsarbeiten mit geringem Budget sehr gut helfen können) geht nichts über einen echten Gitarristen, einen echten Bassisten oder andere echte Musiker, die Audiospuren mit persönlicher Note auf meine Festplatte bringen. Ich meine jetzt noch nicht einmal die Tatsache, dass eine reale Gitarre, gespielt von einem Menschen aus Fleisch und Blut einfach immer echter klingen wird. Nein, es geht mir eher darum, dass meine eingespielten Gitarren, Bässe o. ä. einfach immer nach “mir” klingen und mir der Einfluss anderer Musiker fehlt. Das ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil, den echte Musiker mit sich bringen.

So, nun aber zurück zu unserem Beispiel. Zunächst die Vorlage von Jörn (Anmerkung von Jörn: Das ist ein sehr roher Entwurf für einen neuen Song, an dem ich schon eine ganze Weile arbeite):

Hier meine Version als Video mit einem etwas geänderten Arrangement und Electri6ity:

httpvh://www.youtube.com/watch?v=lu6pkkqwyfQ

Und hier als Audio:

 

Das gefällt mir nicht

Es ist leider kein Sync der Effekte zum Tempo der DAW möglich und es gibt konzeptbedingt leider keine Akustik Gitarren.

Das gefällt mir

Electri6ity bietet eine sehr gute Auswahl an E-Gitarren für alle Stilrichtungen. Es wurde reger Gebrauch von Scripting gemacht, was eine echte Erleichterung für den User ist. Man hat sich sehr schnell mit dem Programm und dessen Möglichkeiten vertraut gemacht auch ohne stundenlang das Handbuch zu wälzen. Für mich bietet es schon out-of-the-Box einen sehr guten Sound. Ohne die Maus anzufassen kann man per KS einen anderen Spielmodus auswählen und so auf einer Spur Begleitung und Solospiel kombinieren. Obwohl ich schon sehr gut mit virtuellen Gitarren ausgestattet war, ist Electri6ity eine echte Bereicherung und künftig meine erste Wahl für Solo-(E-)Gitarren und individuelle Begleitungen. Der Preis geht absolut in Ordnung (siehe auch mein o. g. Vergleich zu den Musiclab Produkten). Daher erhält Electri6ity von mir einen verdienten Redaktionstipp. Jetzt fehlt nur noch der akustische Vertreter von vir2. Bitte mit einer ebenso exzellenten Auswahl an Akustik Gitarren.

Markus Cremer

Systemvoraussetzungen Mac OS X

  • OSX 10.5 / 10.6
  • Intel Core Duo 1.66 GHz
  • Min. 4 GB RAM
  • 1GB freier Festplattenspeicher für die Player installation
  • zusätzlich 28GB Festplattenspeicher entsprechend der Library Grösse
  • Internet Verbindung zur Produktaktivierung (auf beliebigem Computer möglich)
  • DVD Laufwerk

Systemvoraussetzungen Windows

  • Windows XP (SP2) / Vista / Win7 (32/64 Bit)
  • Pentium oder Athlon XP 1.4 GHz
  • Min. 4 GB RAM
  • 1GB freier Festplattenspeicher für die Player installation
  • zusätzlich 28GB Festplattenspeicher entsprechend der Library Grösse
  • Internet Verbindung zur Produktaktivierung (auf beliebigem Computer möglich)
  • DVD Laufwerk

Preis

Vertrieb

Hersteller

9 Comments

  1. Dirk
    11. Juli 2010

    Das ist das, was nach Guitar Hero III kommt 😉

    Ich finde, es klingt einfach nicht (gut) im vergleich zu einer echten Gitarre.

    Da fehlen allen Plugins noch Lichtjahre.

    Antworten
  2. Andreas Ecker
    13. Juli 2010

    Klasse Test. Da hat sich jemand sehr intensiv mit dem Produkt auseinandergesetzt. Vielen Dank dafür.
    Auch das Video ist beeindruckend. Guter Sound. Es lässt sich aber trotz pferkektem Einspielen des VIs nicht verheimlichen, dass die echte Gitarre im direkten A/B-Vergleich lebendiger und flüssiger wirkt und jede Note ein individuelles Sound-Ereignis darstellt, ein Unikat sozusagen.
    Der direkte Vergleich von Echt vs. VI ist ein Knüller! Wo bekommt man so etwas sonst noch geboten?

    Grüße, Andreas.

    Antworten
  3. Markus
    14. Juli 2010

    Hallo Andreas,

    vielen Dank für Dein Feedback 🙂

    Um die Täuschung noch echter zu machen, müsste man das Solo editieren. Das Solo habe ich ja live ohne nachträgliche Editierung der Noten oder hinzufügen von Artikulationen eingespielt.

    Eine echte Gitarre wird immer “organischer” klingen. Aber dennoch ist Electri6ity ein tolles und gut “live” zu spielendes virtuelles Instrument geworden.

    Viele Grüße

    Markus

    Antworten
  4. Benjamin
    18. Juli 2010

    Hallo Markus,

    erstmal vielen Dank für den ausführlichen Testbericht! Freut mich das Dir Electri6ity gefällt!

    An alle die sich fragen, wie realistisch Electri6ity klingen kann, hier vier Userdemos von Przemyslaw Kopczyk:

    Autumn – Demo einer cleanen and verzerrten Strat:
    http://www.benjaminstelzer.de/demo_new/Electri6ityDemoByPrzemyslawKopczykAutumn.mp3

    Somewhere – cleanes Demo der Rickenbacker 360
    http://www.benjaminstelzer.de/demo_new/Electri6ityDemoByPrzemyslawKopczykSomewhere.mp3

    Funk-O-Town – funky Strat Demo
    http://www.benjaminstelzer.de/demo_new/Electri6ityDemoByPrzemyslawKopczykFunkOTown.mp3

    Darkroom- Heavy Demo der Strat und cleanes Demo der ES335:
    http://www.benjaminstelzer.de/demo_new/Electri6ityDemoByPrzemyslawKopczykDarkroom.mp3

    Mehr Demos, Tutorials und Playback-Videos gibt es hier: http://www.youtube.com/user/vir2instruments

    Viele Grüße,
    Benjamin
    Vir2 Development Team

    Antworten
  5. Dirk
    18. Juli 2010

    Also beim ersten Beispiel höre ich nix, bei den feolgenden jeweils einen Akkord…und der klingt nicht sehr nahc echter Gitarre.

    Antworten
  6. Benjamin
    19. Juli 2010

    Hallo allerseits,
    Das ist wirklich seltsam, dass die mp3-Links in meinem Kommentar bei manchen Leuten nicht funktionieren zu scheinen. Muß irgendetwas mit dem Browserplugin sein.

    Zwei Möglichkeiten: entweder Rechtsklick+Speichern unter oder folgenden Link aufrufen: http://www.benjaminstelzer.de/demo_new (dort findet sich ein Player).

    Viele Grüße,
    Benjamin
    Vir2 Development Team

    Antworten
  7. Markus
    19. Juli 2010

    Hallo Benjamin,

    mich freut es auch, dass ich mich trotz meiner ganzen vorhandenen Gitarren VSTi’s entschieden habe diesen Test zu machen. Ich hätte sonst etwas verpasst 😉

    Viele Grüße

    Markus

    Antworten
  8. Hans Scheffler
    27. Juli 2010

    ich hab auch mal einen versuch gestartet mit dem Plugin Gitarre auf dem Keyboard zu spielen
    http://vimeo.com/13660700

    Antworten
  9. Marco
    9. November 2010

    Toller Test, vielen Dank.
    Den “akustischen Vertreter” von Vir2 gibt es schon seit längerem: Acoustic Legends HD … soll auch ziemlich gut sein, wurde leider nur noch nicht oft getestet.

    Antworten

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