Test: Eduardo Tarilonte Accordions

Eine Library nur für Akkordeons? „Endlich“ war mein erster Gedanke, als ich die Veröffentlichung gelesen hatte. Diese Instrumentengattung verdient es einfach, nicht nur lieblos als GM-Instrument mit Program-Change 22 oder 24 ihr Dasein zu fristen. Neben dem Oktoberfest gibt es so viele dankenswerte(re) Anwendungen für dieses Instrument. Von französischen Chansons über keltische und Südamerikanische Musik bis hin zu Unplugged Sessions fallen mir etliche Anwendungen ein, wo der Sound einfach nicht wegzudenken ist. Und auch Seefahrtslieder ohne Akkordion wären wie Hamburg ohne Elbe! Denken wir nur an den Chanty Chor aus Ina’s Nacht. Meines Wissens ist „Accordions“ auch die einzige Library, welche sich in diesem Maße ausschließlich dieser Instrumentengattung widmet. Da der in Spanien lebende Eduordo Tarilonto schon jede Menge positive Feedbacks für seine „Celtic Wind“ oder „Retro Flute“ erhalten hat, darf man gespannt sein.

GUI

Installation

Accordions ist „Powered by Kontakt 3“, kann aber natürlich auch in Kontakt 4 oder mit dem beiligenden Player genutzt werden. Die „Accordions“ werden auf einer DVD ausgeliefert, auf welcher sich 2 Installer befinden. Einer für die Library und einer für den Kontakt 3 Player. Da ich Kontakt 4 nutze, installiere ich lediglich die Library. Der DVD liegt nur ein Begleitzettel mit „Installation Instructions“ auf Englisch, sowie der Serien-Nummer bei. Mehr braucht man in diesem Fall aber auch nicht. Nach erfolgter Installation der Library starte ich Kontakt 4 und die Library erscheint wie üblich in der Liste. Die Aktivierung geschieht NI-typisch mit der Serien-Nummer über das Service Center. Sollte man gerade Offline sein, kann man aber auch innerhalb einer Demoperiode arbeiten. Wie von NI gewohnt, ist die Aktivierung eine Sache von einer Minute. So sollte es sein! Mittlerweile finde ich das Service Center einer der besten Lösungen für diese mitunter mühsamen Aktivierungs-Prozeduren. Mir werden alle Updates an zentraler Stelle angezeigt und ich benötige nur die Seriennummer zur (Re-)Aktivierung.

Der erste Kontakt

Was habe ich nun auf meiner Festplatte? Zunächst einmal 2,92 GB mehr. Diese stellen sich in Kontakt wie folgt dar:

Instruments

  • Bandoneon
  • Bass left Hand Accordion
  • Concertina
  • Double Reed Musette Accordion
  • Single Reed Bassoon Accordion
  • Single Reed Musette Accordion
  • Single Reed Piccolo Accordion
  • Sterische Harmonika (Bonus)

Multis

  • Accordion Register
  • Badnoneon Register
  • Celeste Register
  • Harmonium Register
  • Master Register
  • Oboe Register
  • Organ Register
  • Triple Musette Register

Der Reihe nach möchte ich diese 8 Instrumente anspielen und bleibe prompt beim ersten, dem Bandeon, hängen. Es handelt sich um ein Original „Alfred Arnold“ aus den 30er Jahren, welches u. a. auch „Astor Piazzolla“ benutzt hat. Eine solche Dynamik habe ich bisher wirklich bei keinem Akkordion Sample erlebt. Man merkt, dass hier jede Taste mehrfach (3 Round Robin Samples und 3 Velocity Stufen) aufgenommen wurde. Weiterhin sind die Tastengeräusche (Button Noise, Release Noise) vorhanden, welche zum Realismus beitragen. Sie lassen sich in der Lautstärke steuern oder auch ganz abschalten. Das Bandoneon hat darüber hinaus ein Velocity-abhängiges „Sforzato“. Dies ist ein Akzent, der ab einem bestimmten Schwellwert der Anschlagsdynmik ausgelöst wird und typisch für das Bandoneon ist. Zum einen lässt sich bestimmen, wie laut (in dB) dieser Akzent beim anschlagen der Taste sein soll, zum anderen kann man den Schwellwert von 0-128 einstellen.

Hier zwei Beispiele:

Solo

Chords

Der Blasebalg (Bellow)

Ein Akkordion ohne Blasebalg funktioniert nicht. Da ein Akkordion nicht anschlagsdynamisch zu spielen ist, kommt die Intensität des „Blasebalgs“ ins Spiel. Diesen kann man mit dem Modulation Wheel (Standard) sehr gut imitieren. Natürlich kann man auch ein Expression Pedal oder einen anderen Controller wählen. Das Spiel mit dem Blasebalg ist einer der Charakteristiken des Akkordionspiels und wurde, soviel sei vorweg genommen, von Eduardo perfekt eingefangen. Mit diesen vergleichsweise wenigen Parametern lässt sich der Sound sehr dynmisch spielen. Ich habe noch nichts vergleichbares auf einem Keyboard oder in einer Sample Library gehört. Selbst das veränderte Timbre beim stärkeren Drücken des Blasebalgs wurde von Eduardo Tarilonte (Tari) berücksichtigt. Geloopt wurde hier übrigens nichts, sondern die Töne wurden in voller Länge gesampelt. Und zwar abhängig von der Geschwindigkeit mit welcher man den Blasebalg betätigt. Das heisst: Je lauter desto kürzer und je leiser desto länger klingt der Ton. Bei leiseren Tönen sind die Samples bis zu 10 Sekunden lang und bei den lauteren bis zu 5 Sekunden. Das ein Ton im Falle eines wechseltönigen Instruments beim ziehen ein anderes Timbre als beim drücken des Blasebalgs hat, wurde durch die Round Robin Samples gelöst. Eine andere Option wäre sicherlich gewesen, separate „Push“ oder „Pull“ Instrumente bereit zu stellen. Im Sinne der Spielbarkeit ist mir die Lösung über Round Robin Samples aber tausend mal lieber! Das dies alles möglich ist liegt auch an der Kontakt Engine und dessen Scrippting-Fähigkeit. Die Scripts stammen übrigens von Günter Hirscher. Ich habe das Manual nicht benötigt, es aber kann wie alle Kontakt Instrumente hier als PDF aufgerufen werden:

Manual

Das ich am ersten Instrument sehr lange verweile zeigt mir, dass Eduardo alles richtig gemacht hat!

 

 

Shake my Bellow

Hinzugekommen sind mit dem Update auf Version 1.1. „Bellow Shakes“ sowie „Microtuning“ um anderen Stimmungen gerecht zu werden. Die „Bellow Shakes“ stellen eine weitere Artikulation zur Verfügung, die von Akkordionspielern gerne genutzt wird. Dabei wird der Blasebalg schnell vor und zurück bewegt. Dadurch entsteht eine Art „Stotter Effekt“. Die Noten werden wiederholt ohne diese mit der rechten Hand neu anzuspielen. Je öfter eine Note pro Takt wiederholt wird, desto schwieriger ist es an einem echten Akkordion. Im Plug-in kann man 3 Möglichkeiten nutzen, diesen Effekt zu simulieren.

  1. Intensität und Geschwindigkeit werden durch einen Midi Controller gesteuert
  2. Intensität und Geschwindigkeit werden von verschiedenen Midi Controllern gesteuert
  3. Intensität und Geschwindigkeit werden durch eine Midinote gesteuert

Die von Tari bevorzugte Variante ist übrigens „3“. Nachdem ich alle Versionen ausprobiert habe, muss auch ich sagen, dass es die musikalischste Variante ist. Ausserdem ist diese beim Live-Spiel am schnellsten zu nutzen. Mit dem Sustain Pedal bekomme ich schnellere Wiederholungen ohne Krampf im Fuß nicht hin 🙂 Einen Breath Controller nutze ich nicht, der könnte evtl. noch in Frage kommen, wenn man eine geübte Lunge hat.

Auch hier ein Beispiel mit dem Double Reed Musette:

Hintergrundinfos

Ich habe aus Interesse mal per Mail bei Eduardo „Tari“ Tarilonte nachgefragt, welche Modelle er für die Samples verwendet hat.

Beim Bandoneon stand es in den Produktinfos, bei den anderen Sounds habe ich die Info nun aus erster Hand. Es wurden insgesamt 4 Modelle verwendet. Das bereits erwähnte Bandoneon stammt aus der Fabrikation von Alfred Arnold mit seinem unverwechselbaren Sound. Diese Instrumente werden nicht mehr produziert und daher ist es laut Tari schwer ein solches noch zu finden. In dieser Library hat er eines aufgenommen, dessen Seriennummer dem von Astor Piazolla verwendeten sehr nahe kommt.

Die mit „Accordions“ bezeichneten Instrumente stammen alle von einem „Piano 44“ Modell des italienischen Herstellers „Ballone Burini“. Tari hat die verschiedenen Register dieses Akkordions aufgenommen. Wer ein echtes Akkordion spielt weiss, dass dadurch ein gänzlich anderer Sound entsteht.

Das Concertina stammt von Paul Beuscher und hat, wie Tari sagt, einen wirklich speziellen Klang, den er einfangen wollte.

Die „Steirische“ wurde nur in einer Velocity Stufe und ohne Round Robin Samples aufgenommen. Diese Samples stammen auch nicht von Eduardo Tarilonte sondern von Best Service. Aufgrund der nicht ganz so detailreichen Samples ist diese auch nur als Bonus bezeichnet. Das sollte einen aber nicht davon abhalten, die Steirische einzusetzen. Denn auch sie klingt durchaus gut.

Die restlichen Instrumente

So schön das Bandoneon auch klingt, möchte ich natürlich die anderen Instrumente und Multis kennen lernen.

Das „Concertina“ ist der Vorläufer des Bandoneons. Sein Umfang reicht von C2 – B5 und hat bauartbedingt „nur“ Einzelnoten und keine Akkorde. Es bietet neben den Button und Release Geräuschen auch noch „Handle Noise“ an. Also die Bewegungsgeräusche der Mechanik. Man sieht das Instrument beim spielen förmlich vor sich und fühlt es fast. Von C1 bis B1 liegen noch zusätzliche Geräuschsamples.

Hier ein frei eingespieltes Beispiel mit dem Concertina:

Man hört die Luft richtig aus dem Blasebalg entweichen. Herrlich! Durch die Round Robin Samples weiß man übrigens nie, wann und wie das passiert. Das freie Improvisieren damit macht einfach Spaß. Und wem das im Mix zu laut ist, stellt die Geräusche einfach leiser oder ganz ab.

Das „Bass left Hand Accordion“ bildet, wie der Name sagt, die linke Hand des „Piano 44“ Akkordions also den Bass-Berich ab. Es liegen die Bass-Noten von C1-B1 vor. Von C2 – B2 folgen Dur Akkorde, von C3 – B3 Moll Akkorde, von C4 – B4 Dur Septim Akkorde, von C5 – B5 verminderte Akkorde und auf C6 und D6 Tastengeräusche. Button und Release Noises sind aber auch hier bei allen Tasten vorhanden und regelbar. Man kann hiermit wunderbar Wechselbässe spielen.

Es folgen die verschienden Registereinstellungen des Diskantbereiches vom verwendeten „Piano 44“ Modell. Im Gegensatz zum Bandoneon haben die mit „Akkordion“ bezeichneten Vertreter der Gattung im Diskant (also der rechten Seite) eine abgewinkelte Tastatur in Knopf oder Piano Form.

„Single Reed Musette Accordion“ und „Double Reed Musette Accordion“: Der Begriff „Musette“ hat nichts mit dem Oboenähnlichen Instrument sondern eher mit der gleichnamigen Musikrichtung zu tun. Diese steht für französische Unterhaltungsmusik im 3/4 bzw. 6/8 Takt. Diese Instrumente liegen in „Double Reed“ und „Single Reed“ vor. Also mit einer oder mit zwei Stimmplatten, die zum Schwingen und Klingen gebracht werden. Das Double Reed klingt erwartungsgemäß „fetter“.

Hier ein Beispiel mit der linken Hand zusammen:

Das „Bassoon Akkordion“ stellt eine weitere Registereinstellung des Diskantbereiches dar. Erwartungsgemäß klingt diese tiefer als die Musette Register. Es liegt in Single Reed vor. Das Piccolo Akkordion bietet, wie der Name vermuten lässt, hingegen ein recht hohes Diskant-Register.

Alle diese Register lassen sich natürlich kombinieren indem man mehrere Instrumente gleichzeitig lädt. Beispiele dazu findet man in den mitgelieferten Multis. Es handelt dabei um nichts anderes als um Kombinationen aus den Single und Double Reed Instrumenten. Durch Mischen der verschiedenen Register kann man wiederum andere Registereinstellungen nachbilden. Es sind 8 gängige Registereinstellungen in Form von Multis enthalten:

Multis

Last not least kommen wir zu der in Wien erfundene Steirische Harmonika, die als Bonus (s. o.) vorliegt. Sie zeichnet sich durch die Helikonbässe aus und geht in der Tat bis G#-1 herunter. Daher sollte man für dieses Instrument ein andere Taste als A-1 für die Bellow Shakes belegen. Ansonsten klingt nämlich ungewollt ein tiefer Ton mit. Obwohl dieses Instrument auch Speichertechnisch wesentlich kleiner als die anderen ausfällt klingt es passabel. Die Attack und Release Geräusche sind auch hier vorhanden. Es fehlt aber das unterschiedliche Timbre bei leichten bzw. stärkerem Einsatz des Blasebalgs. Das fällt hauptsächlich im Solo-Einsatz auf. Lediglich im Übergangsbereich zu den Bässen wurden 2 Noten jeweils auf – bzw. + einen Ganzton gepitcht. Sonst liegen auch hier alle Noten einzeln gesampelt vor. Im Gegensatz zu den von Tari gesampleten Instrumenten wurden diese Samples aber geloopt. Ich werde hier keine Oktoberfestmusik als Beispiel bringen, sondern lediglich eine Tonleiter über alle Töne 😉

Es kommt übrigens bei allen Instrumenten der Hall von Kontakt zum Einsatz, dessen Return Level sich auch in Realtime per definierbarem Midi CC steuern lässt. Natürlich kann man den Level auch über die GUI einstellen oder aber einen externen Hall nutzen.

Es gab während des gesamten Tests übrigens keinen Absturz.

alpendeich-Redaktionstipp

Das gefällt mir nicht

Ich habe lange überlegt aber nichts gefunden!

Das gefällt mir

Die Qualität und vor allem die Spielbarkeit dieser Library ist sehr hoch. Darüber hinaus inspirieren diese Sounds einfach. Die Nachbildung des Blasebalgs und alle Nebengeräusche habe ich in dieser detailierten Form noch nicht gehört.

Ich bin wirklich begeistert von dieser Library. Wer echt klingende Akkordions in virtueller Form benötigt kommt um diese Library nicht herum. Der Preis geht mehr als in Ordnung. Für die Nachbildung von anderen Instrumenten wird zum Teil wesentlich mehr aufgerufen und ein echtes Akkordion ist immer noch um Längen teurer. Bei mir zu Hause fristet noch ein altes Hohner Akkordion sein Dasein, welches mal dringend generalüberholt werden müsste. Für die ein oder andere Unplugged-Session kommt es noch zum Einsatz. Da ich „Plugged“ aber mit Mainstage 2 unterwegs bin, freue ich mich darauf endlich vernünftige Samples an Bord meines MacBooks zu haben. Im Studio kann diesen Sounds auch keine andere Library das Wasser reichen. Daher von mir ein mehr als verdienter Redaktionstipp!

Markus Cremer

Systemvoraussetzungen

  • PC: Pentium oder Athlon 1.4 GHz, Windows XP oder Windows Vista
  • Mac: G4 1.4 GHz oder Intel® Core™ Duo 1.66 GHz, OS 10.4.x

für alle

  • 300 MB freier Festplattenspeicher zur Player Installation
  • zusätzlicher Festplattenspeicher entsprechend der Library Grösse
  • DVD Laufwerk

Testsystem

  • iMac 3,06 GHz, 4 GB RAM, OSX 10.6.2, Cubase 5.1.1, Kontakt 4.0.5

Preis

Bezugsquelle

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4 Comments

  1. Jörn
    14. Dezember 2013

    Wahnsinn … Auch nach so langer Zeit denke ich immer noch, dass es zu diesem Produkt keinen besseren / ausführlicheren Test gibt.

    Antworten
  2. Markus
    14. Dezember 2013

    Danke für das Lob 🙂 Das ist aber auch eine tolle Library, die mich nach wie vor begeistert.

    Antworten
  3. Müller Marcel
    1. Juni 2014

    Hallo Markus
    Vielleicht kannst du mir helfen. Ich habe die Library Accordions gekauft und habe
    jetzt damit das Problem in Cakewalk Sonar Producer X2, dass sich die Lautstärke
    beim Accordion Single Reed Basson beim Unterbrechen der Midiaufnahme immer
    auf eine Minimumlautstärke zurückstellt. Was mache ich falsch?

    Besten Dank für deine Antwort
    Mit freundlichem Gruss
    Marcel

    Antworten
    1. Markus
      1. Juni 2014

      Hallo Marcel, da ich Sonar nicht nutze, kann ich das Problem leider nicht nachstellen. Als „Ferndiagnose“ tippe ich auf einen angeschlossenen Controller, der ein CC-Midisignal auf genau diesem Kanal sendet. Hast Du mal getestet, einen anderen Midikanal für die betroffene Kontakt-Instanz zu nutzen oder einfach mal alle Controller zu entfernen? Viele Grüße und viel Erfolg, Markus

      Antworten

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