Interview: Dirk Ulrich von Brainworx

Der Name Brainworx ist in den letzten Jahren immer bekannter geworden und deren M/S Plug-ins haben bei Apfelwahn einen Reaktionstipp nach dem anderen erhalten. Grund genug für uns, dieser Firma mal persönlich in Langenfeld einen Besuch abzustatten und deren neues Studio zu begutachten. Natürlich haben wir bei dieser Gelegenheit einen Blick hinter die Kulissen werfen können und uns informiert, was als nächstes kommt und wie alles angefangen hat. Gesprächspartner war Dirk Ulrich.

Wo liegen eigentlich deine Wurzeln im musikalischen Bereich?

Ganz am Anfang wollte ich ein Tonstudio betreiben. Nach kleineren Semi-Studios habe ich das ganze dann ab ca. 1995 zunächst mit einem Musikladen zusammen gewerblich betrieben. Aus dem Betrieb heraus haben wir dann auch ein Label und einen Verlag gegründet und jahrelang Musikproduktionen gefahren. Das ging von Fan-CDs die bei Bayer Leverkusen im Stadium liefen über jede Menge Heavy Metal Songs bis hin zu Klingeltönen. Vor allem haben wir aber Rock- Metal- und Punkproduktionen gemacht. Da ich selber Gitarre spiele, habe ich für diese Rocksachen auch am ehesten ein Ohr. Komplette Live-Produktionen in größeren Studios kommen aber auch am ehesten von Rockbands. Hip-Hop oder elektronische Sachen werden dann meist, bis auf den Gesang vielleicht, im heimischen Studio vorproduziert.

In Deutschland lässt sich am ehesten noch Geld mit Schlagerproduktionen verdienen. Würdest du solche Produktionen auch annehmen?

Ich habe vom 14-köpfigem Blasorchester über Harfespielerinnen bis hin zu Schlager alles schon mal gemacht aber überwiegend waren es doch die handgemachten Rock-, Pop, Metalproduktionen.

2006 seid ihr dann an das Thema Plug-ins gekommen?

Eigentlich war das Zufall. Das kann ich Dir hier drüben gerne zeigen (geht zum Messestand-Rack, welches den Prototypen des bx-1 enthält). Wir hatten irgendwann die Idee, einen EQ in Hardware zu bauen, der die Möglichkeit einer M/S-Matrix bietet. Seinerzeit wurde ich von Creamware endorsed. Als ich denen die Idee vorgestellt habe, wurde mir ein Softwaresystem zur Verfügung gestelt, mit welchem man eigene Schaltungen “zusammenklicken” kann. So konnten wir die Idee der M/S-Matrix am Computer austesten um sie erst dann in Hardware bauen zu lassen. Mit ein wenig Anleitung hatten wir 6 Wochen später innerhalb dieser Software die Ursprungsschaltung des bx-1. Natürlich mit einer sehr rudimentären GUI aber funktionierendem Prinizip. Dieses “Experiment” haben wir dann unserem Kontakt bei Creamware gezeigt, der sich auch kurz danach meldete mit den Worten: “Das ist ja total krass,was man mit der M/S Sache machen kann.” Seinerzeit waren auch schon die Solo-Knöpfe integriert, mit denen man die einzelnen Signale separat und phasenkorrigiert abhören kann. Als nächstes kam von Creamware die Frage: “Wieso macht Ihr da nicht ein Plug-in draus?”. Da wir seinerzeit nicht wussten, wie man Plug-ins baut, wurde uns der Deal angeboten, dass Creamware uns aus dieser Session ein Plug-in baut. Wir haben uns um die Grafik gekümmert. Dabei kam uns zu Gute, dass Robin (Brainworx) sich früher um Messestände und 3D Rendering gekümmert hat. Er hat dann die Grafikoberfläche gebaut und Creamware hat das alles zu einem “richtigen” Plug-in für die Creamware-Plattform zusammen gesetzt.

Die Grafik finde ich gerade bei den SPL-Sachen wirklich sehr gelungen. War da auch Robin für zuständig?

Bei SPL gibt es ja immer die Vorlage der Hardware. Hermann Gier (CEO von SPL) layoutet bei SPL die Hardware und ist natürlich auch bei den Plug-ins eingebunden. Robin rendert dann die Sachen indem Fotosessions, bei denen die Geräte ohne die Knöpfe fotografiert werden, mit den gerenderten Knöpfen zusammengesetzt werden um die fertige GUI zu erhalten. Es ist also eine Mischung aus 3D und Fotos. Für die aufwendigeren Sachen werden 2 tägige Fotosessions gemacht, bei denen jedes Bild mit Belichtungsreihen aufgenommen wird. Gerade die LED’s sind schwer zu fotografieren. Daher werden in Photoshop die Schichten übereinander gelegt.

Hier hätten wir dann die perfekte Verknüpfung auch zu unseren Apfelwahn-Photo Lesern. HDR-Fotos (High-Dynamic-Range) also auch im Bereich der Plug-ins?

Ja, genau so nennt sich das, glaube ich.

Was macht den Unterschied zwischen den Brainworx Plug-ins zu den Host-eigenen Plug-ins aus? M/S gibt es nativ bei den Host Systemen nicht wirklich, ausser man baut sich eine einfache M/S Matrix nach (was ich für Cubase schon gesehen habe).

Das stimmt. Aber wir haben z. B. Hoch- und Tiefpassfilter entwickelt, die nachweislich messtechnisch auch besser sind als Filter, die es bisher gab (weniger Nyquist-Probleme, weniger Phasenprobleme). Und diese Filter werden von uns natürlich auch in unseren Produkten eingesetzt. Ich gehe zwar davon aus, dass eine Firma die Cubase oder Logic baut auch ein vernüftiges Peak-Band baut. Aber was oft bei diesen Host-eigenen Plug-ins fehlt, ist die Pfiffigkeit oder die Spezialität für gewisse Anwendungen. Es wird dort ja auch primär für die breite Masse produziert und wir füllen eher die Lücken für spezielle Anwendungen. Unsere Plug-ins werden übrigens (wie auch andere Plug-ins) auch immer mehr Live genutzt.

Ihr seid auf M/S (Mid/Side) Produkte spezialisiert. Man kann diese Produkte ja auch sehr gut zum analytischen Hören nutzen.

Ich habe, als wir damit angefangen haben, in der Tat viele CDs damit durchgehört. Chorus- oder Delayeffekte und auch Rap-Nummern, bei denen einzelne Wörter gedoppelt kommen, kann man wunderbar damit analysieren. Auf dem S-Signal passiert unheimlich viel. Wir haben solche Aha-Erlebnisse auch zum Teil auf Messen gehabt, wenn wir z. B. jemandem der Linkin Park oder Jay-Z mixt, auf der NAMM in L.A. den Solo-S-Button vorgeführt haben. Da kam als Antwort “Mach das nochmal!”. Es ist wirklich abgefahren, was dort auf dem S-Bereich passiert. Hör z. B. mal in eine der letzten Justin Timberlake CDs rein. Alles was Bass, Drums, Stimme angeht, ist komplett mono. Alles was an Flächen, Ad Libs, Hallräumen etc. zu hören ist, liegt dafür mächtig breit.

Und immer noch Mono-Kompatibel?

Ehrlich gesagt gebe ich da nicht mehr so viel drauf, da jedes Laptop, etc. Stereo ist. Und die Beats und die Stimmen sind ja auch mono. Und bei Küchenradios reicht es am ehesten, die Stimme zu hören.

Das Thema M/S kommt ja eigentlich aus dem Mastering Bereich (wenn man die M/S Technik aus dem Mikrofonie-Bereich jetzt mal außen vorlässt) …

Wenn man einmal mit dem Thema M/S anfängt, gibt es so viele Sachen, die einem noch einfallen. Z. B. habe ich mittlerweile auf jeder Stereo-Subgruppe M/S, da ich den Monomaker immer dazu benutze, Signale bis 60 oder 80 Hz mono zu machen, damit dort keine Phasenschweinerein passieren. Dafür mixe ich alles darüber umso breiter. Zum Teil EQe ich auch Chöre in M/S um muffige Raumfrequenzen rauszufiltern ohne das Nutzsignal zu beeinflussen. Mittlerweile benutze ich daher M/S auch sehr beim mixen. Wir haben ja auch den bx_boom gemacht, den es ohne M/S Technik gar nicht geben würde.

Was sagst du zum Thema “Loudness War”?

Eine gewisse Lautheit brauchst du schon, um überhaupt ernst genommen zu werden. Der Trick ist nur, es technisch auch sauber laut zu bekommen. Dann hat man schon viel gewonnen. Auch hier hilft die M/S Technik. Den M/S Mastering-Limiter, der am 18.10.2010 von Brainworx kommen wird, nutzt auch die M/S Technik und ist Sidechain fähig.

Das hört sich interessant an und ich bin sehr gespannt!

Ab Anfang Oktober gibt es eine Public-Beta Phase (ohne iLok). Ich zeige dir aber bereits jetzt, wie er ausschaut und sich anhört …

Es folgt eine Präsentation und um es kurz zu machen, kann ich ohne Zweifel sagen: Das Teil klingt sehr vielversprechend und füllt eine Lücke, wo andere Limiter an die Grenzen kommen. Hiermit bekommt man dann auch noch die letzten 5 % rausgeholt ohne dass es unschön klingt. Die Bedienung ist sicher eher was für geübte Engineers aber Details folgen dann sicherlich in einem Test auf Music, sobald das Produkt verfügbar ist. Und nach dieser Präsentation wünsche ich mir die Monitorboxen aus dem Brainworx Studio auch in meinen 4 Wänden. Dirk und ich sind uns einig: Gute Boxen sind mehr Wert, als der neueste 12-Kern-Prozessor.

 

Welche Studiomonitore setzt du ein und warum?

Wir haben die PMC Monitore auf einer Messe gesehen und fanden Sie auf Anhieb super. Den bx_digital haben wir mit Mazen (Anm. der Redaktion: Mazen Murad – Mastering Engineer bei Metropolis in London) zusammen entwickelt. Die haben die PMC Monitore in allen Räumen stehen und so konnten wir die PMCs dort in unterschiedlichen Räumen hören. 2 Jahre war es unser Traum, einen Raum mit diesen Monitoren zu bestücken. Da wir diesen Raum wie ein Top-Studio ausgestattet haben um die Software bestmöglichst zu beurteilen und zu testen, war die Zeit für die PMCs reif. Man kann Veränderungen an den Reglern der Software viel besser auf diesen Monitoren beurteilen, bzw. überhaupt wahrnehmen als auf günstigen Nahfeld Monitoren.

Thema Akustikbau: Habt Ihr diesen Raum in Eigenregie gebaut?

Den Raum haben wir selber gebaut. Es ist aber mittlerweile auch das 5. oder 6. Studio, welches ich gebaut habe. Neben einem Seminar, welches ich dazu belegt habe, war ich die letzten 2-3 Jahre in sehr vielen großen Studios unterwegs. In L.A. habe ich mit David Reitzas einen Song gemixt. Es war eine Rock-Cover-Version von Madonnas “Frozen” für die Band “Giftig” und David hat das Original gemixt und dafür einen Grammy gewonnen. Da er Kunde von uns ist und ich meinen Urlaub in L.A. verbracht habe, ergab sich die Gelegenheit dort in einem 64 Kanal SSL-Pult Studio den Song zu mixen. Von diesem Studio habe ich Fotos gemacht. In weiteren 2 Studios mit Neve- und SSL-Pulten haben wir den Song ebenfalls abgehört und auch Fotos gemacht. In einem Studiomagazin war vor ca. 2 Monaten ein Bericht über einen amerikanischen Studiodesigner, der im Bergischen Land ein komplettes Studio geplant hat. Den Betreiber habe ich kontakiert und er hat netterweise seine Pläne zur Verfügung gestellt. Auch dort war zu erkennen, dass es alles immer recht ähnlich aufgebaut ist. Als unser Raum leer war, haben wir die Kisten für die Boxen und die Racks gebaut. Bevor das Pult hier stand, haben wir die Boxen bereits so positioniert, dass wir den Sweet Spot markieren konnten und das Pult genau auf diese Stelle ausgerichtet haben.

Die Kosten sind für Hobby- oder Semistudios vermutlich indiskutabel?

Man kriegt den Raum selber erstaunlich preiswert hin, auch wenn man natürlich ein wenig Geld in die Hand nehmen muss. Der Boden besteht komplett aus Parkett und auch sonst kam natürlich einiges an Material dazu. Aber wenn das eine Firma gebaut hätte, wären die Kosten vermutlich um das fünf bis achtfache höher gewesen.

 

Welche Tipps kannst du unseren Lesern geben, die mit wenig Geld ihr eigenes Projekt- oder Homestudio akustisch optimieren wollen?

In vielen Topstudios ist dieser dünne, filzartige Teppich an den Seitenwänden zu sehen. Der macht nicht so total tot und dämmt auch mehr die hohen Frequenzen als die ganz tiefen. Gegen ganz tiefe Frequenzen kommt man auch nur mit Masse an. In diesem Raum hat man gemerkt, dass die selbst gebauten Absorber (oben und hinten) dafür gesorgt haben, die Reflektionen zu minimieren um möglichst viel Direktschall zu haben. Die Absorber selber bestehen aus Akustikdecken. Um diese haben wir einen Holzkasten gebaut. Das ganze hat keine 100 Euro gekostet und richtig was gebracht (Anm. d. Redaktion: Und sieht dazu noch schick aus). Wichtig ist weiterhin, dass man keine komplett parallelen (sich gegenüberliegenden) Wände hat. Ebenfalls ist die Symetrie ein wichtiger Punkt. Wenn man also an einer Seite Glas hat, sollte die gegenüberliegende Seite ebenfalls Glas beinhalten.

Nach dieser theoretischen Einführung kamen wir zur Praxis und Dirk hatte nicht zuviel versprochen: Was aus den PMCs an Details zu hören ist, kann man nicht beschreiben, sondern muss man gehört haben. Ich jedenfalls hatte danach keine Lust mehr, meine eigene Abhöre (Fostex PM2) einzuschalten, die mir ansonsten sehr gute Dienste leistet. Aber da liegen natürlich auch preislich Welten zwischen.

Die Boxen sind also neben der Akustik im Raum einer der wichtigsten Punkte um die Hardware möglichst detailgetreu zu modeln?

Absolut! Nimm z. B. den elysia alpha compressor. Der kostet fast 10.000 Euro und den modeln wir gerade. Der ist so fein dosierbar, dass man das definitiv nicht auf Kopfhöhrern oder kleinen Nahfeldmonitoren abgleichen kann.

Wie seid Ihr eigentlich an diese unglaubliche Neve-Konsole gekommen?

Die Konsole wurde ursprünglich für George Lucas’ Skywalker-Studio in Kalifornien gebaut, wo sie ein paar Jahre in der Scoring Stage gestanden hat. Die Soundtracks wurden dort direkt in 7.1 beim Live-Spiel des Orchesters abgehört und aufgenommen. Jurassic Park z. B. wurde darüber gemixt. Das coole an dieser Konsole ist, dass sie ursprünglich eine Charge von schlechten Kanalzügen hatte und diese aus Kulanz durch Kanalzüge der neueren Neve-Konsole (88R) getauscht wurden. Daher ist dieses Pult das einzige mit der Optik der älteren Konsole aber bereits den EQs und PreAmps der 88R. Das Pult wurde zunächst nach Taiwan an Technicolor verkauft, die aber nach einem Jahr komplett in allen Studios auf eine anderes System umgestiegen sind. Danach wurde es nach Schweden in ein Tonstudio verkauft, wo viele Jazz-CDs produziert wurden. Dieses Studio hat sich aus dem Electric Lady Studio in N.Y. eine 88R gekauft und wir haben dann diese Konsole in Schweden abgeholt.

Beim Anblick dieser Konsole stellt sich natürlich die Frage, ob ihr lieber Outboard-Equipment oder Plug-ins zum mixen nutzt.

Wir kombinieren das in der Tat. Wir machen auch nach wie vor Mixe rein im Computer. Es kommt immer darauf an, was die Bands wollen. Manchen Bands ist es wichtig, dass sie Ihre Mixe in einem halben Jahr nochmal aufmachen können um irgendwas zu ändern. Da ist die einzige Lösung natürlich eine rein digitale Session. Andere Bands, gerade aus dem Rock- oder Metalbereich schwören natürlich auf den Sound einer Konsole.

Wie ist SPL zu euch gekommen?

Ich kannte Hermann Gier von SPL schon seit wir in diesem Musikladen unser erstes Studio hatten. Über dieses Studio kannte ich auch Peter Waschke (SPL), der seinerzeit noch nicht bei SPL war. Bei der Zusammenarbeit mit Creamware habe ich gesehen, dass es den Transient Designer von SPL für Creamware gab und auch UAD den herausgebracht hat. Daraufhin habe ich Hermann angeboten, dass wir mit unserem Framework die Plug-ins nicht nur für VST, AU, Creamware oder UAD, sondern alle Versionen herstellen können. Nur die TDM-Versionen sind immer noch separat. Der Audiocode ist hier einfach immer noch sehr aufwendig zu bauen. Nach ein paar Treffen war die Sache rund.

Das Ergebnis spricht ja auch für sich: Ein Redaktionstipp nach dem anderen.

Das Tolle daran ist halt, dass Wolfgang Neumann (SPL) in den vergangen 20 Jahren schon einige “coole Kisten” und geil klingende Filter gebaut hat. Da können wir jetzt aus dem Vollen schöpfen und ein Gerät nach dem nächsten abarbeiten.

Es gibt also noch genügend zu tun und die Auftragsbücher sind voll?

Ja, es gibt ja noch z. B. den Deesser von SPL, den wir gerne als Software modeln würden und auch einige andere.

Wo geht die Reise, was Plug-ins angeht, in Zukunft hin? Hört man immer noch einen Unterschied zwischen Hardware und Software? Der SPL-Vitalizer, den ich getestet habe, hatte für mich, abgesehen von Nuancen, wirklich keinen Unterschied zum mir zur Verfügung stehenden Original.

Die Unterschiede liegen wahrscheinlich eher darin, dass deine Hardware andere Bauteile besitzt als die gemodelte Hardware. Diese Unterschiede sind viel krasser, als der Unterschied zwischen Vorlage und gemodelter Software. Wir haben diesen Passeq von SPL gerade gemodelt …

Aha! Damit hast du einer meiner Fragen schon beantwortet. Der kommt also als nächstes SPL-Produkt von euch?

Genau: Das wird das nächste Plug-in für SPL. Die Besonderheit bei diesen passiven Filtern ist, dass sie sich gegenseitig beeinflussen. Die Kurven sind komplett anders als bei einem aktiven EQ. Diesen EQ haben wir gemessen und natürlich auch Hermann Gier (CEO bei SPL) zum hören eingeladen. Und um auf deine Frage zurück zu kommen: Dieser EQ ist so exakt am Original, dass Hermann Gier schon dachte, wir nehmen in beim A/B-Vergleich auf den Arm. Wir haben in diesem Fall den linken Kanal gemodelt, weil er einfach von den Messdaten der bessere war. Das hängt auch damit zusammen, wo das Netzteil eingebaut ist – und weiteren Faktoren. Aber unser Plug-in lag sogar näher am linken Kanal, als der rechte Kanal der Hardware! Und das, obwohl es sich um einen Mastering EQ mit gematchten Bauteilen handelt. Wenn jetzt hier noch einer sagt, er hört Unterschiede … Als wir z. B. den Vitalizer gemacht haben, meinte Hermann die Software würde irgendwie weniger Bass besitzen als sein Vitalizer. Er hat dann mal seinen Vitalizer mitgebracht und tasächlich haben wir festgestellt, dass irgendwo bei seinem Vitalizer eine Voltzahl höher war, als bei unserer Hardware-Vorlage. Letztlich haben wir uns dafür entschieden, Hermann’s Vitalizer als Vorlage zu nehmen.

Wie geht ihr beim erstellen der Plug-ins denn vor, wenn ein neues Teil zu modeln ist?

Wir bekommen von Firmen die Patentschriften und Pläne. Der Michael (Brainworx) erstellt zunächst anhand der Pläne eine Art “perfektes Modell” im Computer. Dieses Modell ist meist schon nah am Original, wird aber an allen Knotenpunkten nochmals mit der Hardware verglichen und feingetunt. Dazu zählen nicht nur die Maximalwerte, sondern auch Verlaufskurven von Reglern. All dies wird akribisch nachgebildet um das Verhalten der Regler zu emulieren.

Werdet ihr irgendwann die Produktion von Hardware einstellen?

Als Vorlage ist die Hardware schon wichtig. Der Vitalizer z. B. ist seinerzeit bei SPL aufgrund der verrückten Idee entstanden, dass man einen Filter mal anders als nach Standardvorgaben bauen wollte. Solche Experimente sind in Hardware schneller durchgeführt, da man Bauteile einfach mal anders anschließen kann, etc. Auch durch “Fehler” beim experimentieren entstehen u. U. schneller neue Ideen als wenn man sich selber ständig irgendeinen “kranken Code” am Rechner überlegen würde. Es wird auch von der Art, wie man mit Hardware oder Software arbeitet immer Leute geben, die das eine oder das andere bevorzugen.

 

Wenn es nur noch eine Schnittstelle geben würde (AU, VST, RTAS, etc.): Welche wäre euch am liebsten?

Das ist uns durch unser Framwork wirklich egal. Die Umwandlung geschieht automatisch durch Übersetzungsmodule, welche die Besonderheiten der einzelnen Schnittstellen (Mauswheel-Control, Reset-Kürzel, etc,) berücksichtigt. Das ist ein Riesenvorteil.

Welche Host-Systeme nutzt ihr für Euch am liebsten?

Wir haben hier keinen speziellen Host. Für VST gibt es, zum testen der Plug-ins, einen abgespeckten Host, der schnell startet. Wenn es um das reine Arbeiten geht, verwende ich im Studiobetrieb sehr gerne Pro Tools. Das aber auch nur, weil ich es schon seit Jahren benutze. Früher habe ich mit Cubase gearbeitet, mich aber zu Zeiten als Elastik-Audio (Beat Detective) herauskam, für Pro Tools entschieden. Damals hatten die einfach die Nase vorn und für die Rock- und Metalbands war das damals immer super wichtig, dass die Ihre Drums damit bearbeiten konnten. Das ging zu der Zeit am besten mit Pro Tools. Mittlerweile haben alle Anbieter natürlich Lösungen dafür.

Absolut. VocALign war eine ganze Zeit lang mal nur Pro Tools Usern vorbehalten aber ist jetzt auch für AU und VST erhältlich. Daher verschmelzen die Welten wirklich miteinander und es ist letztlich Geschmacksache.

Unterschiede gibt es aber in der Tat. Und zwar, wie eng manche Firmen mit 3rd Party Plug-ins (wie unseren) kooperieren. Steinberg, Digidesign oder Avid z. B. haben z. T. eigene Mitarbeiter oder Hotlines dafür, wohingegen z. B. große amerikanische Firmen, die auch Telefone herstellen, diese Audiosparte eher dazu nutzen um zu zeigen: Wir haben so was auch. Das ist einfach nicht deren Hauptgruppe.

Diese Richtung in Cupertino beobachten wir bei Apfelwahn ja auch seit einiger Zeit. Das ganze geht immer eindeutiger in Richtung Content und Consumer-Produkte.

Selbst wenn jedes Studio Logic nutzen würde, wäre der Umsatz damit nie so hoch wie mit den ganzen iPod & Co. Produkten.

Dazu kommen die langen Fristen zwischen den Updates. Ich habe Logic bis Version 5.5.1 unter PC genutzt und bin seinerzeit, als Logic von Apple übernommen wurde auf Cubase umgestiegen. Zwar habe ich mittlerweile einen Mac und auch das neue Logic Studio 9, nutze es aber fast ausschließlich aus Kompatibilitätsgründen. Meine Hauptplattform ist Cubase unter Mac, womit wir auch zum nächsten Thema kommen: Mac vs. PC? Ich sehe beim hochfahren deines Rechners auf dem 52″ Samsung TFT über der Neve-Konsole, dass du selber Windows nutzt.

*lacht* Zunächst: Der Screen ist nur so groß geraten, da wir keine Monitore auf die Neve stellen konnten und bei ca. 2,5 Meter Entfernung bis zur Wand braucht man eine entsprechende Größe um die Plug-ins noch vernünftig unter 1920 x 1080 lesen zu können. Windows selber nutze ich zwar hier an diesem Rechner, wir haben aber auch Macs im Einsatz. Gerade aus Testgründen brauchst du einfach beide Plattformen. Ich selber nutze halt Pro Tools unter Windows, der Dave nutzt oft Logic oder Pro Tools auf Mac. Der Robin nutzt Samplitude auf dem PC. Weiterhin nutzen wir bei uns im Livebetrieb WaveLab, Nuendo, Cubase, Pro Tools sowie Logic.

Wie viele Mitarbeiter hat die Firma?

Wir haben 3 feste Mitarbeiter in der Brainworx GmbH: Der Michael, der Robin und ich. Das ist das Kernteam. Dazu kommen 2 Programmierer in England, die als Freelancer für uns arbeiten. Das coole am Internetzeitalter ist die Vernetzung. Wir schicken uns im Büro selbst von Tisch zu Tisch Emails! Daher ist es bis auf die unterschiedlichen Zeitzonen fast egal, wo jemand arbeitet. Schwierig wird es, wenn Du jemanden in den USA. telefonisch erreichen möchtest. Wenn das auch noch Musiker sind, die eh’ gerne erst um 12:00-13:00 Uhr anfangen, ist es hier 22:00 Uhr. Wenn ich mit denen telefonieren will, mache ich das entweder Abends von zu Hause aus oder ich muss morgens so früh aufstehen, dass ich sie bei denen noch am späten Abend erwische.

Wie habt ihr die Arbeit aufgeteilt?

Robin macht bei und die ganzen Grafiken und die Buchhaltung. Er ist auch der “solideste” von uns allen. Er ist morgens um 09:00 Uhr da, ich komme auch meist gegen 09:00 Uhr und Michael kommt und geht wann er will. Meist kommt er auch erst gegen 15:00 oder 16:00 Uhr. Dann kommt die letzte Mail von ihm aber auch gegen 06:00 Uhr morgens: “Ich habe die neue TDM Version, die kannst du ja jetzt mal testen”. Da sieht man aus der Mail förmlich, wie die Augen hängen (lacht). Nachts kann man solche anspruchsvollen Arbeiten aber auch am besten erledigen, da man die entsprechende Ruhe hat.

Das kenne ich sehr gut. Ich kenne ebenfalls Studios, die am liebsten Nachts arbeiten.

Der Dave kommt noch als Freiberufler dazu, der z. B. bei der S.A.E. die Demos macht, auf Messen fährt, etc. Insgesamt kommen wir also schon so auf 6 Leute. Bei SPL und elysia kümmern sich natürlich auch noch Leute um so Themen wie Anzeigen, etc.

Letztes Thema: “Kopierschutz”. Ihr habt Euch für den iLok entschieden. Warum?

Ursprünglich haben wir auf Empfehlung von Digidesign damit angefangen. Es war die erste richtig große Firma, die uns supported hat, da sie den M/S EQ gerne für Pro Tools haben wollten. Wir sind dann auch in das Massive Pack 7 reingekommen, was für uns damals natürlich als anfangende Softwarefirma ein dicker Deal war. Da wurden seinerzeit 1.300 Pakete verteilt und wir hatten auf einmal 1.300 User, die mit dem bx_digital arbeiteten. In den Monaten danach wurden es noch mehr, da sich das ganze natürlich herumgesprochen hat. Auf alle Fälle war die Voraussetzung, dass man das iLok System nutzt, da auch die Lizenzen darüber abgewickelt werden. Wir sehen es auch eher als Management für die Lizenzen. Man sieht sofort, welche Plug-ins ein User schon nutzt um Upgrades zu managen oder Redakteuren NFR Versionen zur Verfügung zu stellen. Wir bieten die Demoversionen übrigens ab sofort auch ohne iLok an, damit man ein neues Plug-in von uns ausprobieren kann, ohne einen Slot zu belegen.

Dirk, vielen Dank für den Blick hinter die Kulissen!

Gern’ geschehen!

Markus Cremer

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2 Comments

  1. peter mahr
    25. September 2010

    Hier fehlt eindeutig eine “like” Funktion, denn die würde ich jetzt gerne nutzen. 😉

    Antworten
    1. joern
      25. September 2010

      Hallo Peter,

      freut mich, dass dir Markus’ Interview gefällt! Die Like-Funktion geht ja immerhin noch über Facebook. 😉

      Jörn

      Antworten

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